Pankower möchten ihr Haus nicht uniform saniert sehen

Susanne_Ehlerding_100.jpgVon Susanne Ehlerding

Eigentlich ist die energetische Sanierung eine feine Sache: Fossile Brennstoffe werden eingespart und das Klima geschont. Die Bundesregierung unterstützt die Ertüchtigung von Gebäuden mit zahlreichen Förderprogrammen. Trotzdem geht es nur sehr langsam voran: Weniger als ein Prozent der Gebäude werden zur Zeit saniert. Zwei bis drei Prozent müssten es sein, um bis 2050 einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen - das erklärte Ziel der Bundesregierung.

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Und nicht alles, was gut gemeint ist, wird auch gut gemacht. Bei der energetischen Sanierung steckt der Teufel im Detail. Im Fall der Kavalierstraße 19/19a in Pankow steckt er im Fassadenschmuck, den Doppelkastenfenstern und den gusseisernen Heizungen. Sie werden alle nicht mehr da sein, wenn die Sanierung so wie geplant ausgeführt wird. Gegen das Vorhaben des Eigentümers, der landeseigenen Gesobau, gründen die Mieter gerade einen Verein. Er will sich für die Bewahrung historisch-wohnkulturell bedeutsamer Gebäude in der Kavalierstraße einsetzen.

„Die energetische Sanierung ist im Grundsatz berechtigt. Aber sie ist mit schweren Kollateralschäden verbunden“, sagte Florian Mausbach, Mitglied des Landesdenkmalrates, diese Woche bei einer Veranstaltung der Mieter. So, wie die Kahlschlagsanierung der 70-er Jahre durch eine behutsame Stadterneuerung ersetzt wurde, brauche es heute eine behutsame energetische Sanierung, um das Stadtbild zu erhalten. Mausbauch zitierte Friedrich Engels als er sagte: „Man soll die Gesellschaft nie aus einem Punkt kurieren.“ Es gebe andere Maßnahmen, wo Geld für die Sanierung sinnvoller eingesetzt wäre.

kavalierstr_03.jpgZuvor hatte Jascha Braun von der Initiative Fassadenretter mit Vorher-Nachher-Fotos aus Berlin belegt, wie die energetische Sanierung zu Uniformität von Fassaden führen kann. Bei denkmalgeschützten Gebäuden sei das zwar nicht so. „Sie machen aber nur drei Prozent des Gebäudebestandes aus“, sagte Braun. Die energetische Sanierung bezeichnete er als „dritte Zerstörung“ von historischer Bausubstanz nach Krieg und Kahlschlagsanierung.

Harald Simons von der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur Leipzig rechnete vor, dass die energetische Sanierung des Hauses in der Kavalierstraße auch wirtschaftlich nicht sinnvoll sei. Einer Einsparung von Heizkosten in Höhe von 56 Cent pro Quadratmeter und Monat stünde eine Mieterhöhung von 2,21 Euro gegenüber. Das wäre also eine reale Mieterhöhung von 1,65 Cent pro Quadratmeter. „Die eingesparten Energiekosten reichen bei weitem nicht, um die Mieterhöhung zu refinanzieren“, fasste Simons zusammen.

Lars Holborn, Prokurist der Gesobau, nennt etwas andere Zahlen: „Mit dem Kenntnisstand heute wird sich die Warmmiete nach der Modernisierung unter Berücksichtigung der Einsparungen im Schnitt um nur 1,45 Euro pro Quadratmeter erhöhen.“ Vor allem aber weist Holborn die Idee zurück, eine energetische Sanierung müsste sich für den Mieter rechnen: „Das ist ein Denkfehler.“ Es sei wegen des Klimawandels volkswirtschaftlich gewollt, dass energetisch modernisiert werde. „Die Zeche zahlen Mieter und Eigentümer.“ Zwar könnte sich auch der Staat durch Steuernachlässe beteiligen. „Das wurde aber gerade wieder abgelehnt“, sagte Holborn mit Blick auf die gescheiterten Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zu diesem Thema. Auch für die Gesobau rechne sich die energetische Sanierung nur durch den Ausbau des Dachgeschosses, die ersparte Instandhaltung der künftigen Jahre und dadurch, dass es für ein instandgesetztes Haus immer Mieter geben werde.

Die Gesobau habe bei dem Projekt „die genau richtige Mischung aus Wirtschaftlichkeit und bautechnischen Erfordernissen“ geplant, sagt Holborn. Deshalb gehöre die von den Mietern geforderte Aufarbeitung der alten Holzkastendoppelfenster nicht zum Maßnahmenpaket: „Bei derAufarbeitung wird aus dem Innenflügel das Glas herausgenommen und eine neue Wärmedämmscheibe eingesetzt.Das ist energetisch eine super tolle Lösung, aber sie ist 3,5 mal teurer als ein neues Kunststofffenster“, sagte Holborn. Die alten Fenster einfach am Platz zu lassen, wäre für ihn auch nicht möglich: Sie würden mehr als doppelt so viel Wärme durchlassen wie ein neues Fenster. „Damit kommen wir energetisch nicht dorthin, wo wir mit dem Haus hinwollen.“

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Trotzdem kann Lars Holborn die Mieter verstehen. „Natürlich gibt es auch bei uns Gruppen die fragen: Was bleibt dann von einem Haus?“ Die Wohnungswirtschaft sei nicht blind auf dem nachhaltigen Auge und suche angesichts einer ständig verschärften Energieeinsparverordnung nach einem „sinnvollen Mittelweg“. Hier gibt es möglicherweise eine Annäherung an den Wunsch nach Erhaltung der Identität von Gebäuden. Agnete von Specht vom „Verein Denk mal an Berlin“ warnte zum Schluss der Mieterveranstaltung jedenfalls davor, „dass der Umweltgedanke durch brutale Energieeinsparmaßnahmen Schaden leidet“.

Der Beginn der Baumaßnahmen an der Kavalierstraße ist inzwischen um ein Jahr verschoben worden.