car2go - Hype oder die Zukunft des Carsharings?

Wenn nicht gerade wieder bei der S-Bahn das nächste Wartungschaos ausbricht, sind praktisch alle Mobilitätsbedürfnisse in Berlin ohne eigenes Auto erfüllbar. Mit guter Kenntnis des ÖPNV-Netzes, der Fahrpläne und alternativer Transportangebote sind die meisten Ziele in angemessener Zeit erreichbar und beliebige Transportprobleme im Prinzip gut planbar.

Aber der Mensch ist nicht so. Vielleicht weiß ein Katasteramts-Mitarbeiter im voraus, dass er seine Skatrunde um 23:17 Uhr verlassen wird, um dann den letzten Bus noch zu erreichen, aber die meisten Menschen können und wollen so ihre Zeit nicht verplanen. Wenn schon das Berufsleben stark reglementiert und unter zunehmendem Zeitdruck abläuft, sollte die Freizeit umso mehr Raum für Spontanität lassen. Unter diesem Aspekt stellen die städtischen Mobilitätsangebote für viele private Autobesitzer offenbar noch keine ausreichend attraktive Alternative dar.

Auch wenn manche Dogmatiker das Auto an sich verteufeln, liegt das Hauptproblem des Individualverkehrs eher in der extrem schlechten Ökobilanz und dem hohen Flächenbedarf von Fahrzeugen begründet, die im Durchschnitt nur eine Stunde am Tag bewegt werden, und die restliche Zeit unsere Innenstädte verstopfen. Natürlich könnte und sollte das OPNV-Netz noch mehr und besser ausgebaut werden, Wenn eine U-Bahn mit 200 Tonnen Gesamtgewicht nachts nur 20 Fahrgäste transportiert oder ein Stadtbus nur drei Personen, hat das aber mit Ökologie und Effizienz nichts mehr zu tun.

Stellen Sie sich doch bitte mal vor: Sie haben spontan Lust etwas einzukaufen, das nur schlecht im Bus transportierbar ist oder wollen noch schnell die Oma vor ihrer Wohnung abholen, um mit ihr gemeinsam etwas zu unternehmen.

Foto: rrooaarr interactive solutions

Sie schalten Ihr Mobiltelefon ein, sehen den Standort des nächsten freien Mietfahrzeugs wie im Bild links, und mit einem Klick ist es für Sie reserviert. Ohne Papierkram einfach einsteigen und später irgendwo wieder abstellen - fertig.

Abgerechnet wird nach tatsächlicher Nutzungsdauer: 18 ct pro Minute, maximal € 9,90 pro Stunde, maximal €119,- pro Tag, inklusive Sprit, Versicherung und aller Nebenkosten.

Das ist keine Zukunftsmusik sondern in der Stadt Ulm unter dem Namen car2go Realität. Bis März 2010 wurden mit 200 Smart-Kleinwagen 18.000 Kunden bedient und 250.000 Fahrten durchgeführt, Um die steigende Nachfrage zu befriedigen soll die Fahrzeugflotte bis Ende 2010 auf 300 Autos erweitert werden.

Inzwischen funktioniert es auch in Austin / Texas und angeblich ist auch Paris an einer solchen Lösung interessiert.

Ein tolles Konzept also, ideale Ergänzung zum klassischen ÖPNV und bestehenden Carsharing und Bikesharing-Angeboten und das bisher überzeugendste Argument, auf den Besitz eines eigenen Autos zu verzichten.

Was spricht dagegen?

Natürlich gibt es auch hier mehr oder weniger Gegenargumente: Der Daimler AG, Betreiber des Projekts, könnte Greenwashing unterstellt werden, es gibt noch keine veröffentlichten Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die wissenschaftliche Auswertung steht noch aus, CarSharing-FIrmen und Taxi-Betreiber befürchten Konkurrenz, und zuletzt gibt es noch die Fraktion der prinzipiellen Autogegner, die den motorisierten Individualverkehr vor allem durch Verbote, Hemmnisse und moralische Appelle zurückdrängen möchten, und denen gerade der Erfolg von car2go ein Dorn im Auge ist.

Mittelmäßige Geschäftsmodelle vor besseren zu schützen, darf für die Politik allerdings kein Argument sein, es ist nicht ihre Aufgabe, Lobby-Politik zu betreiben, auch nicht wenn es sich um grüne Geschäftsmodelle handelt.

Fazit

Selbstverständlich ist der motorisierte Individualverkehr mit dem dafür benötigte Parkraum eines der größten Hindernisse für die Entwicklung hin zu einer lebenswerteren Großstadt, aber wer dies nur durch Zurückdrängen und Verteufelung zu erreichen sucht, wird in breiten Schichten der Bevölkerung keine Änderung der Nutzungsgewohnheiten erreichen, sondern so lange auf Granit beißen, bis er zumindest anerkennt, dass es Mobilitätsbedürfnisse gibt, die zu Fuß, mit dem Fahrrad, Bus oder Bahnen einfach nicht ausreichend gut befriedigt werden können. Erst wenn diese Tatsache akzeptiert wird, ist eine offene Diskussion darüber möglich, wie unsere Innenstädte von stinkendem und unnötig viel Fläche verschwendendem Blech befreit werden können.

car2go zeigt meiner Meinung einen erfolgversprechenden Weg auf, wie das ohne Verzicht auf individuelle Mobilität möglich ist, Schade, dass Berlin nicht die Chance ergreift, sich als Modellstadt für einen Großversuch anzubieten, der Attraktivität unserer Stadt käme das sicherlich zugute.

 

Martin Kasztantowicz, Mai 2010

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