Andreas OttoEnergie sparen kann jeder - Klimaschutz im Gebäudebestand

Von Andreas Otto - Bau- und Wohnungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus

Hand auf’s Herz – wer kennt seinen privaten Energieverbrauch, wer weiß, wie viel Strom und Wärme im eigenen Haushalt pro Tag kosten oder gar, wie viel CO2 für eine Kilowattstunde Energie aus fossilen Brennstoffen anfällt? Bis heute ist das für viele Menschen in Deutschland relativ egal, der Strom kommt eben aus der Steckdose und die Bude muss warm sein. Selbst in den Schulen lernen noch nicht alle Kinder und Jugendlichen, dass die fossilen Ressourcen der Erde demnächst zu Ende gehen werden und die Industrienationen die Hauptverbraucher oder –verschwender von Rohstoffen und Energie sind. Die Klimaforscher empfehlen uns, den durchschnittlichen Temperaturanstieg bis 2050 auf 2 Grad zu begrenzen. Wenn diese Zielmarke gehalten wird, soll ein vollständiges Abschmelzen der Polkappen und Gletscher mit entsprechend schlimmen Folgen für viele Länder der Erde gerade noch verhindert werden.

Bündnis 90/Die Grünen als Umweltpartei wollen dafür sorgen, dass Deutschland seine Verpflichtungen erfüllt und so einen Beitrag zur Rettung des Weltklimas leistet. Dazu müssen insbesondere die Städte große Anstrengungen unternehmen. Unsere Fraktion im Abgeordnetenhaus drängt den Senat, entsprechende Schritte zu gehen. Eine wichtige Voraussetzung dazu wäre ein Klimaschutzgesetz, das die klimagerechte Erneuerung aller Gebäude der Stadt in einem Zeitraum bis 2050 steuert. Bisher hat der rot-rote Senat trotz mehrerer Entwürfe so ein Gesetz noch nicht geliefert. Uns geht es darum, den Berliner Gebäudebestand im Zeitraum bis 2050 so zu ertüchtigen, dass die Klimafolgen aus der Beheizung unserer Wohn- und Gewerbeobjekte gegen null gehen. Um das zu erreichen, müssen wir alle als Nutzer, Mieter oder Eigentümer von Gebäuden in Berlin dringend etwas tun.

Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) reduzieren

Der Ausstoß pro Kopf des wichtigsten Klimagases CO2 muss nach heutigen Erkenntnissen auf ca. 2 Tonnen (t) pro Jahr und Mensch begrenzt werden. Dazu hat sich auch Kanzlerin Angela Merkel in einer Rede im Jahr 2007 bekannt. Wenn die Erdbevölkerung weiter steigt, muss dieser Wert noch entsprechend kleiner werden. In Deutschland liegt der Jahresausstoß heute bei 10, in den USA gar bei 20 und auch in China mit 4 t pro Kopf deutlich über dieser Marke. Die Bundesregierung hat auf ihrer Konferenz in Meseberg im August 2007 beschlossen, zunächst den Ausstoß bis 2020 um 40% zu senken, wobei 1990 als Referenz gilt. Alles große Ziele – aber wie erreicht man die eigentlich und wie verteilt sich diese Aufgabe auf Staat, Wirtschaft und Bürger? Der Staat muss Rahmenbedingungen formulieren, die Wirtschaft entsprechend innovative Produkte liefern und die Bürger haben letztlich durch ihr Nutzer- und Konsumverhalten einen großen Teil zu tragen. Die Kosten der notwendigen Modernisierung müssen klar sein und bezahlt werden. Letztlich müssen wir den Kredit an die Natur zurückgeben, den die Menschen in den Industriestaaten in den letzten 150 Jahren zinslos in Form von Rohstoffen, Naturräumen und Energie in Anspruch genommen haben.

Gebäudebestand hat Priorität

Die CO2 – Emission wird in der Regel nach verschiedenen Sektoren betrachtet. Eine einfache Aufteilung nennt die Bereiche Verkehr, Wohnen, Ernährung, Industrie. In allen Bereichen ist Reduzierung möglich und erforderlich. Die aktuelle Debatte dreht sich insbesondere um den Gebäudebestand. Deshalb konzentriert sich mein Beitrag auch auf diesen Bereich, dem etwa 40% der Gesamtemission an CO2 in Deutschland zugeschrieben werden. Das ist eine gewaltige Menge. Und es ist ein Sektor, wo mit der Strategie der drei „E“ – also Einsparung, Effizienz und Erneuerbare Energie einiges zu schaffen ist. Wer nicht heizt, auf elektrische Geräte verzichtet, kalt duscht und mit den Hühnern schlafen geht, der ist klimatechnisch ein Held. Aber nicht alle wollen gerne Helden sein. Trotzdem sind verhaltensbedingte Einsparungen nicht zu unterschätzen. Ohne große Investitionen Geld einzusparen und etwas für das Klima tun – das ist der erste Schritt.

Energie sparen ist einfach

Das Leben in einem Haus oder einer Wohnung unterliegt mehreren variablen Größen. Da ist zunächst mal die Raumgröße, mit der Wohnfläche als Indikator. In Berlin verfügt z.B. jeder Mensch durchschnittlich über 40 m² Wohnfläche. Diese Fläche ist in den letzten 20 Jahren im Ostteil Berlins um etwa 30% gestiegen, im Westteil war das Niveau bereits vorher höher. Die Zahl der Einpersonenhaushalte in der Stadt nimmt, bei in den nächsten Jahren wenig wachsender Bevölkerungszahl, weiter zu. Das ist ökologisch betrachtet kontraproduktiv, weil die wenigsten Wohnungen unter 40m² aufweisen und so der Flächenverbrauch insgesamt weiter anwächst. Neben der ökologischen Relevanz hat dieser Trend auch soziale Folgen, etwa Vereinsamung oder Überschuldung. Deshalb empfehle ich zu prüfen, wie viel Wohnraum wir alle bzw. jeder einzelne unbedingt brauchen und ggf. eine kleinere Wohnung zu nehmen oder Wohngemeinschaften zu bilden.

Die zweite Variable ist der Komfort. Wie viel Grad Zimmertemperatur brauche ich eigentlich in der kalten Jahreszeit. Jedes Grad weniger im Bereich der üblichen Raumtemperaturen spart etwa 5% Heizkosten. Außerdem müssen nicht alle Räume der Wohnung wohlig warm sein, zumal, wenn manche Bewohner nur zum Schlafen nach Hause kommen. Halten wir fest: Der Bedarf an Wohnfläche und die jeweilige Temperatur sind entscheidende Stellschrauben, mit denen wir den Energieverbrauch pro Person senken und etwas für das Klima tun können.

Energie besser nutzen

Neben Einsparungen in Zusammenhang mit den persönlichen Wohnverhältnissen geht es darum, die eingesetzte Energie besser zu nutzen. Technisch ausgedrückt – der Wirkungsgrad der eingesetzten Energie muss erhöht werden und entsprechend soll der Energieeinsatz sinken. Das betrifft insbesondere die fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas. Dazu müssen alle Gebäude so modernisiert werden, dass die Wärmedämmung verbessert wird und parallel die technischen Anlagen so verbessert werden, dass die Energie bestens ausgenutzt wird. Neubauten unterliegen heute anspruchsvollen Vorschriften, die Energieeinsparverordnung (EnEV 2009) sei hier beispielhaft angeführt. Aber der Anteil an neuen Gebäuden ist im Vergleich zu den Bestandsgebäuden so gering, dass es in der Masse betrachtet ein untergeordnetes Segment ist. In Berlin werden im Jahr etwa 3000 Wohnungen gebaut – bei 1,9 Mio Wohnungen insgesamt ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Hauptaufgabe besteht also darin, die vorhandenen Gebäude mit einer Wärmedämmung zu versehen und die Heizanlagen so zu modernisieren, dass der Energieeinsatz nach unten geht. Die EnEV gilt für Bestandsgebäude nur in beschränktem Maße. So müssen die Fassaden nur gedämmt werden, wenn sowieso ein definierter Teil der Außenhaut saniert oder anderweitig baulich berührt wird. Das oben bereits diskutierte Klimaschutzgesetz soll diese Lücke schließen und entsprechende Richtwerte enthalten. Neben der Außenhaut der Gebäude müssen die Heizanlagen auf einen neuen Stand gebracht werden. Da, wo Fernwärme verfügbar ist, die in Kraftwerken mit Kraftwärmekopplung quasi nebenbei anfällt, muss prioritär auf diese Form der Wärmeversorgung gesetzt werden. Ansonsten sind sparsame Heizanlagen notwendig. Angesichts von teilweise über 30 Jahre alten Heizkesseln in Berlin ist eine Erneuerung dringend nötig. Ein erster Schritt kann der hydraulische Abgleich sein, die passgenaue Abstimmung der einzelnen Heizkörper auf die Heizanlage. Bis zu 15% Einsparung sind dadurch zu erreichen.

Erneuerbare haben Priorität

Bis 2050 sollen möglichst alle fossilen Energieträger im Gebäudebereich durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Das wäre ein echter Beitrag für eine klimaschonende Immobilienbewirtschaftung. Wenn die Wärmedämmung der Gebäude so gut ist, dass der Heizaufwand minimal wird, dann ist der viel einfacher mit Biogas, Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen zu bestreiten. Ideal wäre eine Umstellung aller Gebäude auf einen sogenannten Passivhausstandard, darunter wird ein Energieaufwand von maximal 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr verstanden. Die heutigen Gebäudewerte liegen oft bei 150 bis 200 kWh. Zur Deckung wenigstens eines Teils des Energiebedarfs sind heute schon Solaranlagen sinnvoll. Mit solarer Wärme ist die Beheizung von Gebäuden in der Übergangszeit zwischen Winter und Sommer sowie die Warmwasserbereitung möglich. Entsprechende thermische Anlage fehlen noch auf den meisten Gebäuden in Berlin. Eine kleine Rolle kann auch in Berlin die Erdwärme spielen. Allerdings sind bei sehr tiefen Bohrungen Beeinträchtigungen des Schichten – und Grundwassersystems möglich, die zuvor genau abgeschätzt werden müssen.

Wer soll das alles bezahlen?

Drei Parteien müssen für dieses Zukunftsprogramm aufkommen. Die Bewohner, in Berlin zu 90% Mieter, als die Nutznießer von Energie- und Kostenreduzierungen. Dann die Eigentümer, die ihre Immobilien auch in Zukunft noch bewohn- und vermietbar halten müssen. Und als letztes der Staat, der sich internationalen Verpflichtungen unterworfen hat und der über Anreizprogramme die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen finanziell fördern muss. Es sind große Anstrengungen und auch riesige Investitionen nötig, wenn das 2 Grad - Ziel eingehalten werden soll. Aber wir alle können etwas tun.

Berlin, den 24. August 2010

Andreas Otto, MdA

Wahlkreis Pankow 6/Prenzlauer Berg
Bau- und Wohnungspolitischer Sprecher
Mitglied des Ausschusses für Bauen und Wohnen
Mitglied des Hauptausschusses
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im
Abgeordnetenhaus von Berlin Niederkirchnerstr. 5
D-10111 Berlin

Tel.: +49 -30 -2325 2445
Fax:  +49 -30 -2325 2409

E-Mail: andreas.otto@gruene-fraktion-berlin.de
Internet: www.otto-direkt.de

Comments:

Leave a Reply



(Your email will not be publicly displayed.)


Captcha Code

Click the image to see another captcha.