SDC10149a_100.JPGKastanienallee Ecke Schwedter Straße -
zurück in die verkehrspolitische Steinzeit

Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen auf der Kastanienallee will der Bezirk Mitte an der Ecke Schwedter Straße eine aufwendige neue Ampelanlage errichten. (Google-Maps)

Es ist unfassbar: Die Berliner Bezirke haben nicht mal mehr genug Geld um ihren Pflichtaufgaben nachzukommen, bei sozialen und kulturellen Einrichtungen wird gespart bis es quietscht, und hier wird für verkehrspolitischen Unsinn nicht nur Geld aus dem Fenster geworfen, man bindet auch noch über lange Zeit hinweg zusätzliche Mittel für den jährlichen Unterhalt solch teurer Anlagen.

Man kann argumentieren dass eine Ampelanlage der Verkehrssicherheit dient, weil es schwächeren Verkehrsteilnehmern die Querung der Straße ermöglicht. Bei mehrspurigen Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen trifft das auch zu, nicht aber an dieser Stelle. Eine grüne Ampel signalisiert dem Autofahrer freie Fahrt, er muss nicht mehr so sehr auf andere Verkehrsteilnehmer achten und fährt tendenziell schneller. Wenn bei höherer Geschwindigkeit ein Unfall passiert, dann allerdings mit schlimmeren Folgen.

Für die Anwohner der beiden Straßen bedeutet die Ampel vor allem eines: Stau und mehr Gestank. Ich fahre seit Jahren fast täglich über diese Kreuzung und habe dort weder eine gefährliche Situation noch einen Stau erlebt - mit Ausnahme der Zeiten, als dort mal wegen Bauarbeiten eine provisorische Ampelanlage in Betrieb war.

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Diese negativen Effekte von Lichtsignalanlagen sind seit Jahren bekannt, und genau so lange ist bekannt, dass die einfachste, effektivste und stadtverträglichste Lösung manchmal nicht in mehr Technik sondern in reduzierter Geschwindigkeit und einer guten Gestaltung des Straßenraums liegt. Was wir brauchen ist eine Rückbesinnung auf mehr menschliches Miteinander, und daür muss die Stadtplanung den Raum und die Gelegenheit schaffen. Konkrete Folgen für unseren Straßenbau hat diese Erkenntnis leider viel zu selten. Dafür gibt es mehrer Gründe:

  1. Der eingefahrene Trott einer überalterten Verwaltung nach dem Motto: "Das haben wir schon immer so gemacht"
  2. Haftungsvermeidung statt Verkehrssicherheit: Lichtsignalanlagen und Verkehrszeichen befreien den Bezirk im Falle eines schweren Unfalls vom Vorwurf, nichts getan zu haben
  3. Viele Eltern sind ebenfalls der irrigen Auffassung, dass Ampeln in jedem Fall gut für die Verkehrssicherheit ihrer Kinder sind
  4. Politik und Verwaltung sind derart mit der Behandlung tagesaktueller Themen mit hohem öffentlichem Erregungspotential beschäftigt, dass sie oft nur noch reagieren statt zu agieren. Wenn es (wie hier) keine Bürgerinitiativen oder Interessengruppen gibt, die neue Ideen einbringen, passiert auch nichts
  5. Nicht erst seit Renate Künasts Tempo-30-Äußerung im Berliner Wahlkampf 2011 ist das Thema "Reduzierung der Geschwindigkeit" mit hohem und schwer kalkulierbarem politischen Risiko verbunden

Wer heute über die Kreuzung Kastanienallee / Schwedter Straße geht, wird ihn als "Unort" wahrnehmen: unattraktiv und insbesondere für Fußgänger auf der östlichen Seite schlecht zu queren. Wer sich diesen Platz aus der Vogelperspektive ansieht, wird feststellen, dass hier überraschend viel Raum für kreative Gestaltungsmöglichkeiten vorhanden ist. Es gibt genügend Ideen, aus diesem Unort einen attraktiven Platz zu machen, statt dessen fällt dem Bezirk und dem Senat nichts weiter ein, als hier den Straßenverkehr mit technischen Mitteln auf konventionelle und teure Art und Weise zu kanalisieren.

Was ich daran besonders bedrückend finde: Niemand nimmt daran Anstoß. Es gibt keine Bürgerinitiative, die sich für die Gestaltung dieses Platzes interessiert und keine politische Partei unternimmt auch nur die leiseste Anstrengung, an dieser exponierten Straße mal etwas Visionäres zu denken.

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Ist die Politik nach den aufreibenden und ernüchternden Diskussionen um die Sanierung der Kastanienallee müde geworden? Gibt es Bürgerbeteiligung nur noch, wenn sich Betroffene gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten wehren? Haben auch unsere politischen Parteien aufgegeben, an dieser Stelle mal etwas Neues zu wagen?

 

Martin Kasztantowicz

Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität von Bündnis 90/Die Grünen, Berlin

August 2012